DER EURO von Hans-Werner Sinn

In den letzten Jahren überlagerten die Flüchtlings- und Klimakrise zunehmend alle anderen politischen Themen. Dabei geriet eine der wichtigsten und immer noch ungelösten Krisen Europas zunehmend in den Hintergrund: die Eurokrise. Unter diesem Namen werden eine Reihe von volkswirtschaftlichen Krisen summiert, welche seit 2007 nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das politische Klima in Europa dauerhaft belasten. Dazu zählen die krisenhaften Symptome insbesondere südeuropäischer Länder, die seit 2007 immer wieder zu drohenden und tatsächlichen Zahlungsausfällen dieser Staaten gegenüber ihren Gläubigern führen. Ohne die Kredite der Geldgeber, die sich schon lange nicht mehr an Marktkonditionen orientieren, wären weite Teile Südeuropas bereits ökonomisch kollabiert. Trotz ihrer Unterschiede in Ort, Zeitpunkt und Ausprägung lassen sich all diese Krisen auf ein fundamentales Ereignis zurückführen: die Einführung des Euro als allgemeingültiges Zahlungsmittel in den Staaten der Europäischen Union.

Hans- Werner Sinn beleuchtet fundiert die Hintergründe dieser Entscheidung und ihre Folgen. Dabei betreibt er keinerlei populistisches Euro- Bashing, sondern beschreibt gekonnt, warum es unter den gegebenen Bedingungen zwangsläufig so kommen musste wie es kam. Er spart nicht an Selbstkritik. Vielmehr gibt er zu, dass auch er die Einführung des Euro zu euphorisch und zu optimistisch gefeiert hat. Er begründet sehr genau, warum er zu den Befürwortern gehörte und welchen Kardinalsfehler alle Befürworter begangen haben: sie schätzten die Reformfreude Südeuropas zu positiv ein. Ein Fehler wie sich im Nachhinein herausstellte, denn statt zu reformieren, sogen sich die Südländer bis zum geht nicht mehr mit günstigen Krediten voll. Die Krise war somit vorprogrammiert und unausweichlich.
Im Folgenden nennt der Autor dann die Hauptakteure dieser verfehlten Kreditvergabe, beleuchtet kritisch die Rolle der EZB und der EU bei der Rettungspolitik, hält der europäischen Politik den Spiegel vor und schlägt konkrete Lösungen vor, die durchaus unpopulär und schmerzhaft sind, um die lahmende Wirtschaft Südeuropas wieder anzukurbeln.

Der Autor ist einer der renommiertesten Volkswirte Deutschlands und ehemaliger Leiter des ifo Institutes in München. Vieles, was er schreibt, mag manchem Leser nicht schmecken, da es fürchterlich rational und technokratisch erscheinen mag, aber es zeigt, dass Politik langfristig nicht das Primat vor der Wirtschaft haben kann, wenn man nicht in einer Schuldenunion, der dann langfristig wieder die Zahlungsunfähigkeit droht, enden will. Das Buch liest sich sehr gut. Es ist spannend, analytisch und faktenreich. Allerdings sollte man im Falle der Lektüre Interesse an volkswirtschaftlichen Themen in all ihrer Komplexität haben und nicht zur Lösung ökonomischer Fragen auf dem Bierdeckel neigen. Wer fundiert und umfangreich informiert werden will, dem sei dieses hochinteressante Buch ans Herz gelegt.

 

Erhältlich als gebundene Ausgabe und e-book

Erschienen im Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Veröffentlicht am 19. Oktober 2015

ISBN: 978-3446444683

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